Ich habe mich mit Loris in seinem Atelier verabredet. Er studiert Kunst an der ZHdK – der Zürcher Hochschule der Künste – und hat kürzlich an zwei verschiedenen Standorten in Frauenfeld, TG, ausgestellt. Wir kennen uns schon seit dem Gymnasium, ich war aber noch nie in seiner Kunstwerkstatt. Sie ist gleichzeitig seine Wohnung, und ich fühle mich, als würde ich in Giacomettis Atelier aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts treten. Überall liegen fertige und angefangene Werke und Skulpturen. Die einzige Wohneinrichtung besteht aus einem kleinen Küchentisch und einem Sofa mit Sessel im Stil des le Corbusier-Sessels.
Die Kunst um uns herum hat etwas Unheimliches und wirkt gleichzeitig sehr beruhigend. Selbst die vielen Haus- und Möbelskulpturen wirken seltsam lebendig, so als hätten sie erst in dem Moment unserer Ankunft aufgehört, sich zu bewegen. Viele der anderen Werke arbeiten ausserdem mit dem Körper und körperlichen Elementen. So steht auf dem mittleren Arbeitstisch beispielsweise ein Mörser voller menschlicher Zähne. Auf meine Nachfrage, was er damit macht und woher er sie hat, antwortet Loris entspannt: «Die habe ich von Zahnärzten. Es soll eine Sanduhr mit gemahlenen Zähnen werden, aber das Zermörsen gestaltet sich schwieriger als gedacht.» Es ekle ihn nicht mehr, erklärt er mir. Er habe sich daran gewöhnt und bleiche die Zähne, bevor er sie benutze.
Ich schaue mich um. Neben den ganzen körperlichen Elementen sind ebenfalls sehr viele Häuser in Loris’ Arbeit zu finden. Diese sind jedoch Teil der etwas älteren Werke. Auf meine Nachfrage, was ihn an dem Motiv Haus so fasziniert, meint er: «Das sind etwas persönlichere Stücke. Für mich steht das Haus symbolisch für die Familie. Das einfache Giebelhaus repräsentiert dabei speziell die traditionellen Familienkonstellationen und gesellschaftlichen Vorstellungen von einer Familie. Im Gegenzug dazu sind die neueren Werke eher konzeptionell.» Obwohl jetzt viel mehr der Körper im Zentrum von Loris’ Arbeit steht und auch viele Skulpturen mit seinen eigenen Händen und seinem Gesicht entstehen, ist das Grundkonzept weniger persönlich, weniger biographisch. «Es geht mehr darum, was man aus dem machen kann, was einem zur Verfügung steht. Als Mensch besitzt man im Minimum seinen Körper. Damit kann man schon viel erschaffen, wenn man etwas kreativ ist.»
Trotz der sehr unterschiedlichen Inspirationsquellen wirken die einzelnen Werke gar nicht so anders voneinander. Die Häuser und Möbel haben teils lange beinartige Stelzen oder sind aufgestapelt. Die Körper hingegen sind teilweise auf einen groben Umriss reduziert, an Puppenspieler-Fäden aufgehängt oder werden in ihre Einzelteile zerlegt und als Teil eines Gegenstands wiederverwendet. Alles wirkt halb lebendig und halb gegenständlich. Mein Lieblingsstück beispielsweise zeigt zwei unterschiedlich grosse Arme, der grössere offensichtlich von einer weiblichen Kleiderpuppe und aus Gips. Der kleinere ist ein Zinnguss und wirkt maskuliner. Beide Arme sind elegant geschwungen und die Zeigefinger der beiden Hände berühren sich sanft. Sie erschaffen so eine fragile menschliche Dynamik zwischen den beiden harten Materialien und lassen diese zu weicher Haut werden.
Beim Betrachten der vielen ungewöhnlichen und teils gruseligen Teile im Atelier stelle ich mir unweigerlich die Frage, woher die ganzen Ideen kommen. «Ich sammle viele seltsame Teile und lasse mich von ihnen inspirieren.» meint Loris. Es sei spannend, einen Gegenstand am Strassenrand oder im Brocki zu finden und sein Potential zu entdecken. «Oft frage ich mich, ob es sich wirklich lohnt, die Dinge mitzunehmen, da ich nie im Vorhinein weiss, was ich suche. Stattdessen sehe ich Gegenstände und merke, dass etwas in ihnen steckt. Nur selten weiss ich sofort, was ich daraus machen werde.»
Diese Art der Ungewissheit steht symbolisch für seine gesamte Arbeit. «Ich mag dieses Gefühl, zu meinen, etwas entdeckt zu haben, aber doch noch nicht zu wissen, was genau es ist. Mein Ziel ist es, traumähnliche Gefühle zu rekonstruieren und das ‹Dazwischen› zu erfassen.» Und dieses Ziel erreicht er mit Bravour. Man kann sich kaum sattsehen, denn es gibt immer wieder Neues zu entdecken und in die Werke hineinzuinterpretieren. So wird man selbst Teil der Kunst und macht sie sich ein wenig zu eigen, denn obwohl die Abdrücke für die Zinngüsse ursprünglich von Loris’ Körper stammen, stehen sie für die Menschen im Allgemeinen.
In diesem Gefühl liegt wohl der Ursprung der beruhigend irritierenden Atmosphäre im Atelier, welche mir schon zu Beginn sofort aufgefallen ist. Die Vertrautheit und Surrealität wecken Nostalgie und lassen einen mitten am Tag in eine Traumwelt abtauchen, aus welcher man nur ungern heraustritt.
Zum Schluss frage ich Loris, wie er sich selbst als Künstler charakterisieren würde. Es fällt ihm sichtlich schwer, eine genaue Definition zu finden. So wie seine Kunst ist er selbst wohl undefinierbar. Schliesslich findet er dennoch eine Beschreibung, die ihm passt: «Ich suche gerne. Allerdings will ich eigentlich gar nicht finden. Solange ich suche, bleibt es interessant.»
Auf seiner Website https://lorismauerhofer.com/work kann man einen kleinen Einblick in seine herrlich seltsame Kunst erhaschen und sogar einzelne Teile erwerben.