Queer: kompromisslose Subjektivität und altbackener Universalismus

«No one is ever really alone. You are part of everything that is alive. The difficulty is to convince someone else that he is really part of you.» «Queer» (2024) ist ein Film über Einsamkeit, Vereinnahmung und Sehnsucht. Aber wem gehören diese Gefühle eigentlich?

Autor:in:
Tobias X. Staudinger
Titelbild:
Mubi
Hinweise:

«Queer» (2024), der nächste Film von Luca Guadagnino (Regie) und Justin Kuritzkes (Drehbuch) nach «Challengers» (2023), erzählt die Geschichte von William Lee (Daniel Craig), der aus Angst vor Verfolgung aufgrund seines Heroinkonsums und seiner Homosexualität aus den USA floh. Auf der Suche nach einer unerreichbaren Verbindung cruised Lee durch die Bars vom Mexiko City der 50er Jahre. Der melancholische und anachronistische Soundtrack treibt Lee durch die Nächte, die von queeren Sehnsüchten, ungleichen Machtverhältnissen und Maskulinitäten durchzogen sind, bis in den ecuadorianischen Dschungel, in dem eine gekappte Verbindung wiederhergestellt werden soll. Mal ungeschickt und universalisierend, mal einfühlsam und sanft, manövriert uns der Film durch ein Netz komplexer Beziehungen.

Der Hauptfokus liegt auf der Beziehung zwischen dem alternden Lee und dem jungen, mysteriösen Eugene Allerton (Drew Starkey), um dessen Aufmerksamkeit und Nähe Lee verzweifelt buhlt. Als Lee Allerton schließlich überzeugen kann, mit ihm auf die Suche nach der halluzinogenen Pflanze Yagé (auch Ayahuasca genannt) durch Südamerika zu reisen, intensiviert sich ihr Kampf um Nähe und Distanz immer weiter.

Artifizielle Enklave: Mexiko City in Cinecittà

Der Drehort in den italienischen Cinecittà Studios verleiht dem Film einen Look, der merkwürdig zeitlos und artifiziell wirkt. Dass die Filmsets als solche erkennbar sind, erzeugt stellenweise ein Gefühl der Entfremdung. So sind einzelne Orte wie Bars und Hotelzimmer zwar aneinandergeknüpft, aber nicht in eine reale Umgebung eingebunden. Diese Orte existieren nur in Lees Erinnerungen, sie sind voller Sehnsüchte einer spezifischen Person, die sich vor allem nach weissen Männern sehnt, vielleicht vor allem nach jenen, die eine Art ungebrochene, unangreifbare Maskulinität versprühen. Die Erinnerungsstruktur, aber auch die Sehnsucht Lees zeigen sich auch in den fantastischen Elementen des Filmes. So zum Beispiel in Visionen, in denen sich eine geisterhafte Hand von Lees Körper löst, um die Nähe Allertons zu finden.

Auch der schon oben erwähnte Soundtrack, der sich aus Künstler:innen wie Sinéad O’Connor, Nirvana, Prince, New Order oder Orville Peck zusammensetzt, erzeugt eine Art Entfremdungseffekt, wenn beispielsweise die Songtexte direkt das Geschehen kommentieren. So singt Sinéad O’Connor «what else should I say, everyone is gay», während die Opening Credits laufen, oder New Order «for these last days, leave me alone», als Lee Heroin nimmt und sich so zum wiederholten Male in eine Schleife von Einsamkeit und Selbstverletzung begibt.

Um wessen Queerness geht es eigentlich?

Auch wenn an manchen Stellen klar wird, dass es die spezifischen Perspektiven der Figuren sind, die im Vordergrund stehen, hinterlässt das Verhältnis des Filmes zu seinem Setting insgesamt doch ein unangenehmes Gefühl. Die Machtverhältnisse und die chauvinistische Art und Weise, wie sich die weißen Hauptfiguren durch Mittel- und Südamerika bewegen, bleiben ungebrochen, die Exotisierung besteht. Frauen werden an vielen Stellen – meist ohne selbst vorzukommen – zu unangreifbaren Mutterfiguren oder omnipotenten Bedrohungen reduziert. Der Film behandelt weiße, queere Maskulinität – nicht Queerness.

Eine weitere grundsätzliche Frage stellt sich beim Casting des Filmes. Guadagnino entscheidet sich – wie schon in früheren Filmen – für Schauspielende, die selbst nicht queer sind. In Queer trifft das auf die beiden Hauptdarsteller Daniel Craig und Drew Starkey zu, nicht aber auf Omar Apollo, der eine kleine, aber durchaus relevante Rolle spielt und auch im Soundtrack vertreten ist. Ohne eine abschließende Antwort auf die Frage geben zu wollen, was einen Film queer macht, gilt es meines Erachtens festzuhalten, dass Repräsentation nicht nur vor-, sondern auch hinter der Kamera stattfindet.

Ein ernüchternder Trip

Nachdem Lee und Allerton ihre Ayahuasca-Erfahrung gemacht haben, bleiben eine klischeehafte «Wir sind doch alle eins mit dem Universum»-Erkenntnis und die Frage, in wessen Trip wir da eigentlich mehr als zwei Stunden gefangen waren. Es bleibt ein Film, der an vielen Stellen daran scheitert, dass er seine blinden Flecken überhaupt nicht überwinden möchte.

Der Film bekennt sich zwar zu seiner kompromisslosen Subjektivität, hat aber dennoch Ansprüche, allgemeingültige Aussagen über menschliche Beziehungen, Einsamkeit und Sehnsucht zu tätigen, während nicht-weiße und nicht-männliche Perspektiven an vielen Stellen ausgeblendet werden. Dieser Widerspruch bleibt bis zum Ende bestehen und sorgt für Irritationen, über die die traurig-schönen Momente imaginierter Nähe und die spannenden audio-visuellen Brüche auch nicht hinwegtrösten können. 

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