Eine neue Definition von Metaebene

Wolf Haas’ neuester Roman «Wackelkontakt» ist ein Meisterwerk der Erzählkunst, das mit überraschenden Wendungen und einer gekonnten Mischung aus Spannung und Humor begeistert. frachtwerk-Autor Daniel Klein war an der Lesung im Kaufleuten Zürich.

Autor:in:
Daniel Klein
Titelbild:
Daniel Klein
Hinweise:

Die Geschichte beginnt mit Franz Escher, der auf einen Elektriker wartet, weil seine Steckdose einen Wackelkontakt hat. Um die Wartezeit zu überbrücken, liest er ein Buch über Elio Russo, einen Mafia-Kronzeugen, der im Gefängnis auf seine Entlassung wartet. Elio lebt in ständiger Angst um sein Leben, da er viele Menschen verraten hat. In einer unerklärlichen Wendung liest auch Elio das Buch, in dem es ausgerechnet um Franz Escher geht – der wiederum auf den Elektriker wartet.

Was anfangs nach einer einfachen Erzählung aussieht, entpuppt sich schnell als komplexes Geflecht aus Verstrickungen, Geheimnissen und einem mysteriösen Mord. Der «Wackelkontakt» wird dabei zum Symbol für die instabilen Verbindungen zwischen den Figuren und den ungelösten Fragen, die sich im Verlauf der Geschichte immer weiter auftürmen. Haas’ einzigartige Mischung aus Humor und tiefgründigen Themen sorgt dafür, dass die Lesenden nie wissen, was als Nächstes kommt.

Ein Abend voller Humor und Charme

Am letzten Montagabend im März hatten wir die Gelegenheit, Wolf Haas bei einer Lesung im Kaufleuten in Zürich zu erleben. Der Autor präsentierte sich als charmant und zurückhaltend, brachte das Publikum jedoch immer wieder mit seinem feinen, lakonischen Humor zum Lachen. Besonders eindrucksvoll war sein Lieblingssatz aus dem Buch: «Grüss Gott, Elektro Janko», den er mit einer nahezu unterkühlten Gelassenheit vortrug – ein schönes Beispiel für das subtile Understatement, das den Roman und seine Lesung prägte.

Haas erzählte einige amüsante Anekdoten und sprach humorvoll über die Unterschiede zwischen Österreichischem und deutschem Sprachgebrauch, die immer wieder zu Missverständnissen führen können. So erklärte er, dass «Puzzle» im österreichischen «Passl» ausgesprochen wird, was im Deutschen eben «Pussl» genannt wird – eine Aussprache, die ihm wenig Sinn zu ergeben scheint. Nach kurzer Nachfrage beim Publikum wusste er dann auch, dass die Schweizer:innen es ebenfalls so nennen. So kann man auch eine Verbindung zum Publikum aufbauen. Gelungen. Je nachdem, wie man das Wort betont, kann aus einem Puzzle im Österreichischen auch schnell ein «Bussal» (Küsschen) werden. Selbstironisch und meisterlich mit der Sprache umgehen kann er. Diese feinen sprachlichen Nuancen sorgten bei den Zuhörer:innen für herzliche Lacher.

Haas auf der Bühne. (Foto: Daniel Klein)

Haas untermauerte seine Verwirrung mit der deutschen Aussprache mit einem weiteren Beispiel: Während die Österreicher:innen «Colgate» sagen, würden es die Deutschen «Kollgathe» nennen.

Seit Jahren schüttle auch ich den Kopf über diese sprachliche Kuriosität – und Haas spricht es an. Ein Bruder im Geiste. Danke dafür. Er kassiert den Lacher, wiederum ohne sich ganz zu vergewissern, wie die Schweizer:innen es aussprechen.

Mittlerweile sind wir an einem skurrilen Knackpunkt im Buch angekommen. Denn plötzlich klingelt ein Handy. Aus der Jacke tönt der Song «Ruaf mi ned au» von Georg Danzer, ein Klassiker der österreichischen Musik. Aber aus dem Telefon eines Toten! Der Song läuft langsam an. Währenddessen erklärt uns Sprachliebhaber Haas noch den Wiener Ausdruck «Hau die über die Häuser», was so viel wie «aufbrechen und gehen» bedeutet. Er steht auf und lächelt. Mit dem Song im Hintergrund ist es die perfekte musikalische Überleitung, die zur Pause einleitet.

Wortspiele und schweizerische Ortsnamen – ein humorvolles Highlight

Ein weiteres unterhaltsames Element der Lesung war Haas’ humorvolle Auseinandersetzung mit Schweizerischen Ortsnamen und deren ulkig-fusionierenden Speisenamen. Für grosse Lacher sorgten die Wortspiele, die Haas geschickt in die Lesung einbaute. An dieser Stelle wollen wir jedoch nicht zu viel spoilern – nur so viel sei verraten: Die Mischung aus geographischen Anspielungen und kulinarischen Referenzen war ein wahres Highlight des Abends. Pardon, aber bei ihm ist ja sowieso: «Sprüngli Bocca»-Programm.

Gelassenheit als Markenzeichen

Besonders beeindruckend war die entspannte Atmosphäre, die Haas während der Lesung verbreitete. Obwohl es in dem nahezu ausverkauften (hochverlegten) Konzertsaal aufgrund der hohen Nachfrage sehr heiss war, zeigte sich der Autor bemerkenswert gelassen. Er bat einfach darum, die Scheinwerfer etwas herunterzudrehen – eine kleine Geste, die seine entspannte, dann wieder abgekühlte Haltung unterstrich. Vielleicht ist das auch der Schlüssel zu wahrem Charme: Man braucht nicht viel grelles Licht, wenn man bereits mit natürlicher Coolness und Gelassenheit strahlt.

«Wackelkontakt» ist ein Werk, das mit seinen unerwarteten Wendungen und feinem Humor die Leser:innen immer wieder auf die falsche Fährte führt und dabei nie den subtilen Charme verliert, der Haas’ Erzählweise auszeichnet. Die Lesung in Zürich hat uns noch einmal vor Augen geführt, warum dieses Buch ein so faszinierendes Erlebnis bietet – sowohl für die Leser:innen als auch für die Zuhörer:innen.

Autor Daniel Klein fühlt den Wackelkontakt. (Bild: Daniel Klein)

 

PS: Auf eine Interviewanfrage, die wir an Wolf Haas gestellt hatten, erklärte sein Management, dass er sich inzwischen «leer geredet» habe und nun lieber seine Lesung im Mittelpunkt stünde. Und das ist ihm wirklich perfekt gelungen – sowohl durch seine Erzählkunst als auch durch seine unaufgeregte Art, die das Publikum sofort für sich einnahm. Ein wahres Meisterwerk der Lesung und der Literatur!

Bleibt am Lesen.

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