Man erkennt sich im Bühnensetting wieder, als beim gemeinsamen WG-Kochen nicht nur der Tomatensugo zu brodeln beginnt, sondern auch die Diskussion über die realpolitischen Missstände von heute, von gestern und morgen. Die «Liste der unmöglichen Dinge» zieht die bittere Bilanz: Früher waren es futuristische Grossprojekte, heute sind es selbstverständliche Grundrechte, die in Frage gestellt werden. Wie gewiss sind noch die Ideale, wenn sie durch den Kapitalismus korrumpiert werden? Wohin die linke Wut richten, wenn die Probleme ins Grenzenlose wachsen? Reicht linkes Engagement auf der Bühne, oder wäre nicht doch der Einsatz als Steuerfahnder:in gegen Grosskonzerne wirksamer?
Anna Maria Glaudemans verantwortet das besonnene Bühnenbild eines Kammerspiels, welches überschattet und aufgebrochen wird durch einen bedrohlichen Bug eines Öltankers. Dieser illustriert den abstrusen Wettbewerb um das «linkere» und nachhaltigere Privatleben – denn was nützt ein selbstgebackenes Holzofenbrot, während der Öltanker noch immer im Raum steht?
«Damals gab es noch keine Che-Guevara-T-Shirts, es gab Che Guevara!»
Die sprunghafte Themenfülle – authentisch für eine WG-Diskussion – zwingt das Publikum über 120 Minuten zur konzentrierten Aufmerksamkeit, birgt aber die Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Ein verdünnter textlicher Rundumschlag hätte thematische Vertiefungen bedient und den intergenerationellen Vergleich geschärft. Das flankierende Publikum im Kinosaal des Moderne erfordert ein beidseitiges Spiel der vier starken Schauspieler:innen, während ihr Idealismus unaufhörlich gegen eine Wand ankämpft, die sich als ihre eigene Machtlosigkeit entpuppt.
Verschnaufpausen bringen wiederkehrende Betäubungsschüsse aus dem Aussen, sobald die WG sich zu revolutionär auflehnt. Diese Einbrüche in den Privatraum segmentieren die Diskussion und holen die Vier immer wieder zurück in die Ernüchterung einer neoliberalen, autokratischen Realität. Als auf der Kinoleinwand der «Debattenverschiebungsclown» erscheint, wird klar, wer die Schüsse zu verantworten hat. Seine Bemerkung «Kapitalismus hat Demokratie nicht mehr nötig» zeigt, wessen Abbild die gigantische Fratze ist. Dieser Aussenwelt gegenüber steht die energielose Punk-Band als metaphorische Erschöpfung der Generationen, noch immer für eine Revolution kämpfen zu müssen. Die videographischen und musikalischen Elemente sind kraftvoll, hätten aber anstelle gewisser Textstellen früher und konsequenter eingesetzt werden können, um der dichten Abhandlung mehr Kontrast und ästhetische Abwechslung zu bieten.
«Wir werden ausgestorben sein, und es wird ok gewesen sein»
Die hoffnungsvolle Aussenwelt, die einst den linken Idealen zuhörte, existiert nicht mehr. Nur noch die der «conspiracies», in die die vier Aktivist:innen keinen Fuss setzen möchten. Die scheinbar alltägliche WG wird zum Gefängnis in einer absurden Endwelt, eines Endspiels ganz nach Samuel Beckett. Die Erkenntnis, dass unsere Realität zu diesem absurden Fiebertraum geworden ist, schlägt wuchtig ins Gesicht. Doch in der Genossenschaft liegt die letzte Zuversicht, im Hier und Jetzt und jenseits der Generationen für dieselbe Sache einzustehen. So findet die WG in ihrem privaten Safe Space die Kraft, ihre Herzen weiterhin für die Revolution bereitzuhalten. Und während sie gemeinsam essen, lässt die Punk-Band ihren Sound wieder laut erklingen. Aber eine Ratlosigkeit bleibt.
«My Heart is Ready for a Revolution» ist eine aufrüttelnde, kluge und streckenweise erschlagende Inszenierung, die dringender und aktueller nicht sein kann.