Wenn die Dystopie zur Realität wird

«Live aus der Ukraine» von Luzia Tschirky ist ein erschütternder und eindrucksvoller Erfahrungsbericht von Krieg und Repression. Ihr Buch ist 2024 im Echtzeit Verlag erschienen. Die ehemalige SRF-Korrespondentin für Russland, die Ukraine, Belarus und den Kaukasus dokumentiert darin ihre persönlichen Erlebnisse vor und während des russischen Angriffskriegs. Dabei gelingt es ihr, die Schicksale einzelner Betroffener sichtbar zu machen und ihnen eine Stimme zu geben.

Autor:in:
Nadine Gasser
Titelbild:
Matti, Pexels
Hinweise:

Gemütlich schlenderte ich durch die Gassen der Zuger Altstadt. An diesem Januarabend war ich auf dem Weg zu einer Lesung von Luzia Tschirky. Die Veranstaltung fand in der Stadtbibliothek statt, einem wunderschönen Raum mit gläserner Decke, in dessen Zentrum sogar ein Baum wächst. Doch die Erzählungen der ehemaligen Korrespondentin liessen diese harmonische Kulisse schnell in den Hintergrund rücken. Das von ihr Beschriebene wirkte auf mich an diesem Abend wie ein Fiebertraum, es ist aber leider bittere Realität. Unter anderem erwähnte sie, dass diese Räumlichkeiten in der Ukraine momentan völlig ungeeignet wären, da die Glasdecke aufgrund des durch Raketenangriffe erzeugten Drucks zerspringen würde. Mit dem Buch unter dem Arm ging ich nach Hause und, so viel vorweg, dieses Gefühl der Fassungslosigkeit sollte mich während der gesamten Lektüre nicht mehr loslassen.

Was Krieg bedeutet

Luzia Tschirky schildert in ihrem Buch «Live aus der Ukraine» eindrücklich, wie der russische Angriffskrieg den Alltag von Millionen Menschen radikal und irreversibel verändert hat. Sie berichtet vom Grauen des Krieges, wie wir es auch in den Medien mitverfolgen können: von unzähligen ukrainischen Zivilist:innen, die von der russischen Armee getötet werden, von Erwachsenen wie Kindern, die während Wochen im Keller als Geiseln gehalten werden, von Massengräbern und überfüllten Leichenhäusern. Dabei beleuchtet die Autorin auf einfühlsame Art und Weise die oft tragischen Schicksale einzelner Betroffener.

Sie erzählt beispielsweise die Geschichte von Wiktoria und ihrem Mann Wladimir Schischkin. Die hochschwangere Wiktoria lag am 9. März 2022 in jener Geburtsklinik in Mariupol, über der eine Bombe von einem russischen Kriegsflugzeug abgeworfen wurde. Aufgrund ihrer schweren Verletzungen verlor Wiktoria ihr ungeborenes Baby. Wladimir und sein Kollege wurden auf dem Weg zur Klinik angegriffen, wobei sein Kollege ums Leben kam und Wladimir ernsthaft verwundet wurde. Wladimirs Bein musste danach amputiert werden. Luzia Tschirky unterstützte das Paar und schreibt im Buch folgendes: «Ich verlasse Russland am 4. Juni, einen Tag, bevor mein Visum ausläuft. Was für eine Last von mir fällt, als ich die Grenze zu Estland überquere. Hier dürfen Dinge beim Namen genannt werden. Dieses Land bombt keinen Frauen ihre ungeborenen Kinder aus dem Bauch. Ich halte mein Versprechen gegenüber Wiktoria und setze alle Hebel in Bewegung. Sie kann zwei Wochen nach mir mit Wladimir die Grenze nach Estland überqueren. Ich bin schon wieder in der Ukraine auf Reportage unterwegs, als Wiktoria mir vom Gate in Estland schreibt: ‘Sie haben uns bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen mehrere Gläser mit Eingemachtem abgenommen. Wir sind doch noch nie geflogen.’»

Aber auch privat stellte der Angriff vom 24. Februar 2022 für Luzia Tschirky alles auf den Kopf. Ihr Mann Pavel und sie lebten bis Kriegsbeginn in Moskau. Die Autorin befand sich in Kyijw, als die Stadt bombardiert wurde, während ihr Mann sich in Moskau aufhielt. Noch am selben Tag reiste sie mit dem Auto nach Polen aus, auch ihr Mann verliess Russland so schnell wie möglich. In ihre Wohnung in Moskau, ihr Zuhause, würden sie nie mehr zurückkehren.

Ohnmacht

Luzia Tschirkys Schilderungen handeln aber nicht nur vom Kriegsgeschehen, sondern auch vom Machtmissbrauch, der Unmenschlichkeit und Willkür der russischen sowie belarussischen Regierung. Beide Länder werden von Autokraten regiert, denen jedes Mittel recht ist, um an der Macht zu bleiben. Kritische Journalist:innen sind ihnen dabei natürlich ein Dorn im Auge. So werden diesen zum Beispiel Drogen untergeschoben, um sie unter diesem Vorwand verhaften zu können. Andersdenkende sind nicht erwünscht, weshalb Medienschaffende bedroht und eingeschüchtert und Demonstrationen auf brutalste Weise beendet werden. Freie, faire Präsidentschaftswahlen sind undenkbar. Urteilstexte bei Gerichtsverfahren werden oft frei erfunden und das Verdikt steht bereits im Vorhinein fest. Inhaftierte erwarten in Gefangenschaft häufig schreckliche Bedingungen: von unzureichender medizinischer Versorgung über Erniedrigung bis hin zu Folter. Ein prominentes Beispiel ist der Fall des mittlerweile verstorbenen Kremlkritikers Alexei Nawalny.

Auch von diesen Umständen ist die Korrespondentin direkt betroffen, beruflich und privat. In Minsk wird sie zusammen mit einem befreundeten Paar auf dem Weg zu einem Restaurant ohne Begründung festgenommen. Freund:innen und Bekannte werden inhaftiert und berichten von schlimmen Haftbedingungen. Seit Mai 2022 erhält Luzia Tschirky in Russland keine Akkreditierung mehr und kann ihrer Arbeit als Journalistin dort nicht mehr nachgehen. Eine offizielle Begründung gibt es dafür nicht. Ihre persönliche Betroffenheit kommt auch hier immer wieder zum Vorschein, obwohl sie sich damit bewusst sehr zurückhält. Dies tut sie aus Respekt vor all denen, die weniger privilegiert sind als sie und dieser Situation nicht so einfach entfliehen können. Als Schweizerin kann sie sich eher gegen ungerechte Behandlung wehren und hat jederzeit die Möglichkeit, in ein friedliches, demokratisches Land zurückzukehren.

Ernüchternder Ausblick

Luzia Tschirky berichtet schonungslos über die Missstände in Osteuropa und schürt dabei keine falschen Hoffnungen auf eine rosige Zukunft. Dadurch, dass die Autorin die Leser:innenschaft an ihren persönlichen Erfahrungen teilhaben lässt, ist der Zugang ein anderer als bei den zahlreichen Nachrichten-Beiträgen zum Geschehen. Dabei stellt sie nie ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund. Sie lenkt den Blick auf die Menschen, die oft vergessen werden, weil sie kaum Möglichkeiten haben, für sich und ihre Rechte einzustehen.

Das Buch endet nicht mit einem grandiosen Schlusswort oder gut gemeinten Ratschlägen. Die Autorin lässt mich als Leserin mit derselben Erschütterung zurück, die ich bereits bei ihrer Lesung im Januar verspürte. Dennoch bereue ich keine Sekunde, dieses Buch gelesen zu haben. Es mag keine leichte oder erheiternde Lektüre sein, aber eine umso bedeutungsvollere, vor allem wenn man sich das aktuelle Weltgeschehen anschaut. Folgende Textstelle ist mir besonders in Erinnerung geblieben: «Meine Aufgabe ist es, zuzuhören und den Menschen, die sonst nicht gehört werden, eine Stimme zu geben.» Das ist Luzia Tschirky mit diesem Werk definitiv gelungen.

 

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